Donnerstagmorgen, 8:25 Uhr

In den 45 Minuten, in denen ich an diesem Tag schon wach war, hatte ich meine Zähne geputzt, mich fertig gemacht und gegessen. Ich hatte meine Haare gekämmt, mich geschminkt, und meinen Hund in den Garten gelassen. Außerdem hatte ich schon einen Einblick in die Welt bekommen, in der wir leben.

Ich hatte ein Video gesehen, in dem ein Mann verurteilt wurde, weil er seinen besten Freund über 10 Jahre erpresst und missbraucht hatte. Außerdem politische Inhalte über Streitigkeiten zwischen links, rechts und Mitte sowie ein Video von einem Flugzeugabsturz, gefilmt von einem Passanten aus dem Flugzeug heraus – eine iranische Airline, die nicht genug Geld für die Instandsetzung hatte und daher fahrlässig gehandelt haben soll.

In diesen ersten 45 Minuten meines Tages hatte ich also bereits Informationen über Missbrauch und Rechtsstaatlichkeit, politische Krisen und Unsicherheiten, eine Flugzeugkatastrophe und die panische Todesangst von 100 Menschen aufgenommen.

Vor 60 Jahren hat sich meine Großmutter in den ersten Minuten ihres Tages mit dem Duft von frischem Kaffee, dem Frisieren ihrer Haare und dem Anlegen ihrer Ketten beschäftigt. Zugegeben, vielleicht lief am Frühstückstisch oder in der Küche das Radio, über das sie die neuesten Meldungen der Welt hätte hören können. Sicherlich waren auch damals schon schlimme Nachrichten zu hören.

Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob man beim Frühstück nebenbei die Nachrichten aus dem Radio hört, oder ob man plötzlich das Bild eines abstürzenden Flugzeugs direkt vor Augen hat – mit Ton, Bewegung und all den Details, die ein Video mit sich bringt.

Unser Gehirn hat bis zum ersten Kaffee bereits eine enorme Menge an Sinnesinformationen aufgenommen und verarbeitet – vieles davon, ohne dass es überhaupt in unser Bewusstsein gelangt. Schätzungen gehen davon aus, dass unsere Sinnesorgane Informationen in einer Größenordnung von Millionen bis hin zu Milliarden Bits pro Sekunde aufnehmen. *Zheng, L. & Meister, M. (2025). The Unbearable Slowness of Being: Why Do We Live at 10 Bits/s? Neuron.

Bewusst verarbeiten können wir davon jedoch nur einen winzigen Bruchteil. Unser Unterbewusstsein ist immer mit dabei. Auch wenn wir uns gerade nur auf eine Sache konzentrieren, scannt unser Nervensystem unsere Umgebung und verarbeitet völlig automatisch alles, was so reinflattert. Es selektiert, was für uns gerade wichtig ist, und blendet aus, was gerade nicht in unseren Fokus gehört.

Obwohl ich mich durch die vergangenen Jahre der Aus- und Weiterbildung viel mit dem Angst- und Nervensystem beschäftigt habe und mich als achtsamen Menschen beschreiben würde, ist es mir passiert, heute Morgen schon eine Stunde nach dem Aufstehen mit diesen drei schlimmen Nachrichten konfrontiert worden zu sein.

Mein Handykonsum ist niedrig und alle meine Benachrichtigungen sind aus. Trotzdem habe ich mich heute Morgen dabei erwischt, wie ich mich dieser Schwemme an Reizen nicht entziehen konnte. Mein Handy war in meiner Hand, um schnell das Wetter zu checken, und sofort riss es mich unterbewusst in eine Art Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich las Nachrichten meiner Lieblingsmenschen, die über Nacht reingekommen waren, und tippte einmal kurz auf Instagram – und zack, so schnell war es dann auch schon geschehen.

Ich bin als Zeugin Jehovas bei meiner Mutter aufgewachsen. Die ersten 14 Jahre meines Lebens war ich darauf trainiert worden, daran zu glauben, dass der Weltuntergang kurz bevorsteht und Gott alles Böse von der Erde tilgen wird. Mir wurde beigebracht, dass die Welt in den Händen des Teufels ist und sich alles, was gerade auf der Welt passiert, immer weiter zuspitzen wird.

Klimawandel, Seuchen und Aufruhr würden an der Tagesordnung stehen, eine schlechte Nachricht nach der anderen würde eintreffen. Um nicht von Gott von der Erde getilgt zu werden, musste ich nur brav sein, glauben, sein Wort predigen und durchhalten, bis alles Schlechte vernichtet werden würde.

Ich weiß, dass sich das für dich als Leser jetzt erst einmal nach Hirngespinsten anhört. Doch worauf ich hinaus möchte, ist weniger der Inhalt der Lehren, sondern das Konditionieren auf Angst.

Auf meinem Blog geht es um Angst – und zwar um Angst, die außer Kontrolle geraten ist und vielleicht sogar in eine Angst- und Panikstörung abgerutscht ist.

Nun, ob man als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist oder nicht: In Zeiten von Social Media und weltweiter Vernetzung können wir der ständigen Flut schlechter Nachrichten kaum noch entkommen und das ist der perfekte Nährboden für ansteigende Ängste.

Wir leben heute nicht mehr in der Zeit meiner Großmutter. Damals musste man das Radio anschalten, wenn man wissen wollte, was in der Welt passiert. Heute tragen wir die ganze Welt in unserer Hosentasche und sind rund um die Uhr erreichbar. Das ist praktisch, ohne Frage. Aber vielleicht haben wir es an manchen Stellen auch ein bisschen verschlimmbessert.

Wir sind überall damit konfrontiert: auf der Arbeit, wenn ein Kollege von den neuesten Entwicklungen des russisch-ukrainischen Angriffskrieges erzählt; auf Werbetafeln, die hungernde Kinder zeigen und Spenden sammeln möchten; und eben auf dem Handy, das meistens nicht mal eine Armlänge von uns entfernt ist.

Social Media zeigt uns Nachrichten, politische Diskussionen und Katastrophen – selbst dann, wenn wir eigentlich nur kurz die Nachricht einer Freundin checken wollten.

Vielleicht isst man zum Lunch mit Freunden und auch hier kommt das ein oder andere politische Thema auf den Tisch. Oder der eigentlich entspannte Bummel durch die Stadt wird plötzlich gar nicht mehr so entspannt, weil man unvermittelt zwischen einer politischen Kundgebung und einer Gegendemonstration landet.

Es gibt überall Nachrichten. Eine endlose Schwemme von Informationen, die unser Gehirn aufnimmt – auditiv über die Ohren, visuell über die Augen oder manchmal auch einfach als Gefühl im Bauch. Es umgibt uns überall. Und ich glaube, dass wir unterschätzen, was diese permanente Reizüberflutung mit uns macht.

Besonders Menschen, die ohnehin ein angespannteres Nervensystem haben, sich häufig ängstlich fühlen oder vielleicht schon eine Angst- und Panikstörung, eine PTBS oder eine andere psychische Herausforderung haben, können davon besonders belastet werden.

Unser Schlüssel ist deshalb, aus diesem endlosen Strudel auszusteigen und ganz selektiv zu entscheiden: „Tut mir das jetzt gerade gut?“, „Fühle ich mich danach besser oder eher nicht?“, „Wie fühlt sich das in meinem Körper an?“

Ich für meinen Teil kann sagen: Mir tut es ganz und gar nicht gut, zwei Stunden auf TikTok zu scrollen. Ich fühle mich danach leer und bin unzufrieden. Es hat mich meinen Zielen nicht nähergebracht, mich nicht intelligenter gemacht und mir keine erfüllende Interaktion mit anderen Menschen gegeben. Man wird müde und träge, denn die ständige Informationsflut kostet Energie. Verzerrte Schönheitsideale können das Selbstbild belasten und das ständige Konsumieren schlechter Nachrichten kann Ängste und Verstimmungen verstärken.

Deshalb glaube ich, dass es einen Unterschied macht, wie wir unseren Morgen beginnen und unseren Tag gestalten.

Wer morgens direkt mit Scrollen beginnt, startet anders in den Tag als jemand, der sich zehn Minuten dehnt, inruhe einen Kaffee trinkt und dem Vogelgezwitscher lauscht.

To be fair: Nicht jeder wohnt in einer Gegend, in der man beim Öffnen des Fensters Vogelgezwitscher hört. Aber trotzdem gibt es Möglichkeiten, seinen Morgen bewusst zu gestalten. Und wenn dir heute nicht nach einem flotten Morgenspaziergang ist, es regnet oder die Zeit knapp ist, reicht es manchmal schon, bei einem Kaffee einen kurzen Moment ganz achtsam in sich hineinzuhören.

Worauf freue ich mich heute? Worauf möchte ich heute achten? Was möchte ich heute für mich tun?

Ich starte den Morgen beispielsweise oft mit einer Intention. Meine Intention heute ist es, rauszugehen und jemandem ein Lächeln zu schenken. Irgendjemanden glücklich zu machen oder die Let-Them-Theorie noch weiter auszubauen.

Vor allem ängstliche Nervensysteme profitieren von einem Slow Morning: Zähne putzen, ohne zu schrubben und zu hetzen, sich Zeit für ein Frühstück nehmen, das Handy nicht mit durch die Wohnung tragen, sondern beispielsweise eine feste Handystation in der Küche einrichten.

Der Morgen sollte damit starten, dass ihr gut zu euch seid und den Tag mit der Energie beginnt, die euch durch ihn tragen soll. Und wenn ihr doch morgens einmal, aus welchen Gründen auch immer, so wie ich, mit schlechten Nachrichten bombardiert werdet, dann sucht euch danach doppelt so viele gute.

Das Leben mit dem Handy ist nicht mehr wegzudenken. Auch ich kann ohne mein Smartphone nicht arbeiten. Und trotzdem darf es begrenzt und mit Augenmaß genutzt werden.

Vielleicht entsteht stattdessen in dem freigewordenen, stillen Raum ein Moment der Dankbarkeit. Ein leiser Impuls an dich selbst: Wie schön die Sonne heute scheint. Wie sehr du dich darauf freust, später Lauchsuppe zu kochen oder dich mit deiner Freundin auf einen Kaffee zu treffen.

Wandelt es um: Zwei schlechte Gedanken bekommen vier gute.

Ich versuche stets darauf zu achten, dass mein Leben mit mehr Gutem gefüllt ist als mit Schlechtem. Alles, was innerhalb unserer eigenen Kontrolle liegt, darf in unserem Ermessen für uns gestaltet werden.

Damit unser Gehirn nicht ständig im Negativ-Load steckt, müssen wir auf uns und unseren Konsum achten. Und vielleicht fällt es uns dann auch leichter, Stabilität, Lebensqualität und Dankbarkeit zu empfinden.

Keiner ist perfekt. Auch ich habe mich heute Morgen über diese Kettenreaktion erschrocken.

Doch morgen darf es besser sein.

Und auch du darfst ab morgen noch einmal neu starten.

Vielleicht möchtest du es morgen einfach einmal ausprobieren und deinem Handy die ersten 30 Minuten des Tages nicht schenken. Dafür habe ich dir ein paar kleine Impulse zusammengestellt, die dir helfen können, deinen Morgen bewusster und etwas ruhiger zu gestalten.


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