Ein persönlicher Bericht mit viel Herz.
Es ist überwältigend. Alles nimmt dich ein und plötzlich bildet sich ein Tunnel um dich herum. Dein Herz schlägt schnell, dein Magen zieht sich zusammen und deine Brust schnürt sich zu.
Ich war mitten auf der Autobahn, zwei Stunden von zu Hause entfernt, alleine und orientierungslos. Ich schaffte es gerade noch bis zur nächsten Raststätte und bat um Hilfe – die ich damals nicht bekam.
Ich wusste nicht, was mit mir los war. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Logische Gedanken waren kaum noch möglich. Mein Körper fühlte sich fremd an und ich wollte am liebsten aus ihm heraus. Meine Atmung war schwer, schnell und angespannt.
Ich war überzeugt, dass ich ein ernst zu nehmendes medizinisches Problem hatte. Irgendetwas musste doch mit mir nicht stimmen. Ich war verzweifelt und hatte das Gefühl, dass alles immer schlimmer wurde.
Das, was ich hier beschreibe, erleben viele Menschen. Panik ist eigentlich ein Schutzmechanismus unseres Körpers. Sie soll uns in gefährlichen Situationen helfen, zu überleben. Doch wenn sie uns ohne echte Bedrohung überrollt, fühlt sie sich an wie eine Sturzflut, die man nicht einordnen kann.
Viele Menschen wählen deshalb aus Angst vor einer lebensbedrohlichen Situation den Notruf. Sie versuchen verzweifelt, dieses schreckliche Gefühl loszuwerden, und fragen sich mit rasenden Gedanken, was mit ihnen passiert.
Nach meiner Situation auf der Autobahn begann eine Zeit, in der ich viele Wochen immer wieder hinterfragte was passiert sei.
Was ich damals unbedingt hätte wissen wollen:
1. Eine Panikattacke geht vorbei. Immer.

Sie erreicht ihren Höhepunkt meist innerhalb weniger Minuten und klingt anschließend wieder ab. Der Körper ist nicht dafür gemacht, dauerhaft unter maximalem Stress zu stehen. Er schüttet Stresshormone aus, um dich kurzfristig auf Flucht oder Kampf vorzubereiten. Danach fährt dieses System wieder herunter.
Wenn wir mitten in einer Panikattacke stecken, fühlt es sich zwar nicht so an, aber unser Körper arbeitet nicht gegen uns – er versucht uns zu schützen. Auf meiner Seite findest du weitere Berichte darüber, was genau in dir passiert, doch erstmal ist wichtig zu wissen, das es vorüber geht.
Heute weiß ich: Nicht die Panik ist gefährlich, sondern die Überzeugung, dass sie niemals aufhört.
Mit jeder überstandenen Panikattacke wächst langsam das Vertrauen, dass dein Körper wieder in den Normalzustand zurückfindet. Diese Erkenntnis hätte mir damals unglaublich viel Angst genommen.
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2. Scham nach einer Panikattacke ist völlig normal.

Als ich an diesem Tag ins Krankenhaus eingeliefert wurde, setzte sofort eine große Welle der Scham ein.
Einerseits war ich erleichtert. Ich war endlich an einem Ort, an dem man mir helfen konnte, falls tatsächlich etwas Ernstes mit meinem Herzen oder meinem Gehirn nicht stimmte.
Andererseits war meine Panik inzwischen bereits etwas abgeklungen. Stattdessen spürte ich nur noch tiefe Erschöpfung und Leere.
Ich erklärte den Ärzten und Pflegern meine Situation und war überzeugt, dass sie mich nun für eine Simulantin halten würden. Schließlich ging es mir inzwischen wieder etwas besser.
Allein der Gedanke, dass ich nun in Sicherheit war und man mir im Ernstfall sofort helfen könnte, hatte mein Nervensystem bereits etwas beruhigt.
Und genau dafür schämte ich mich.
Ich schämte mich dafür, dass es mir besser ging. Ich schämte mich dafür, vielleicht Kapazitäten wegzunehmen, die jemand mit einem „echten“ Herzinfarkt dringend brauchte. Ich schämte mich für meine Tränen, mein Schluchzen und den ganzen Aufruhr.
Zum Glück begegnete mir ein unglaublich freundlicher Pfleger. Er schenkte mir ein Lächeln und machte eine kleine Handbewegung, die sagte: „Alles ist gut. Kein Grund zur Sorge.“ Eine Krankenschwester nahm meine Hand und drückte sie.
Damals glaubte ich noch, wegen eines wenige Tage zuvor diagnostizierten Aneurysmas im MRT im Krankenhaus gelandet zu sein. Auf der Autobahn war ich fest davon überzeugt gewesen, dass es geplatzt war.
Erst später las ich im Rettungsdienstbericht, dass der Notfallsanitäter bereits den Verdacht auf eine Panikattacke dokumentiert hatte.
Das Personal wusste also wahrscheinlich schon längst, was passiert war. Und trotzdem nahmen sie mich ernst. Sie sahen meine Angst. Sie sahen meine Scham. Und sie sahen meine Erschöpfung.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Medizinisches Personal erlebt solche Situationen häufiger, als wir denken.
Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass viele Menschen mit einer Panikattacke zunächst glauben, einen Herzinfarkt oder eine andere lebensbedrohliche Erkrankung zu haben.
Eine Studie mit 441 Patientinnen und Patienten, die wegen Brustschmerzen eine Notaufnahme aufsuchten, zeigte, dass rund **25 % die diagnostischen Kriterien einer Panikstörung erfüllten**. Viele dieser Fälle wurden zunächst nicht erkannt.
Vielleicht helfen dir diese Zahlen dabei, etwas freundlicher mit dir selbst zu sein.
Während einer ersten Panikattacke denkt man häufig nicht: „Das ist bestimmt nur Angst.“
Man denkt: „Ich sterbe.“ Und wenn man glaubt, dass man stirbt, dann ist es völlig nachvollziehbar, den Rettungsdienst zu rufen.
Niemand wird dir deshalb böse sein. Scham gehört für viele Menschen zu einer Panikattacke dazu.
Deshalb möchte ich dir etwas mitgeben, das ich damals selbst dringend gebraucht hätte:
**Du bist nicht verrückt. Du bist nicht peinlich. Und du bist mit diesem Erlebnis ganz sicher nicht allein.**
Wenn dir diese Gedanken auch nur ein kleines bisschen Erleichterung schenken, dann hat dieser Artikel bereits seinen Zweck erfüllt.
3. Deine Symptome sind real.

Herzrasen, Schwindel, Atemnot und all die anderen intensiven Symptome einer Panikattacke sind real.
Viele Tage nach meiner ersten Panikattacke saß ich noch da und fragte mich, ob ich mir das alles vielleicht nur eingebildet hatte. Bekam ich wirklich keine Luft mehr? Wollte mein Herz tatsächlich aus meiner Brust springen?
Ich war überzeugt, langsam verrückt zu werden. Rückblickend weiß ich, dass diese Gedanken für viele Menschen nach einer ersten Panikattacke ganz typisch sind. In meinem Fall entwickelte sich daraus zunächst eine Angst vor der nächsten Panikattacke und schließlich eine beginnende Angststörung.
Die Scham und die ständige Angst vor einer weiteren Panikattacke hielten mich fest im Griff. Ich verließ kaum noch das Haus, fuhr kein Auto mehr und war überzeugt, dass ich in Gefahr wäre, wenn ich allein mit meinem Hund über die Felder ging.
Allein zu sein machte mir Angst. Ich stellte mir vor, plötzlich zusammenzubrechen, mit dem Kopf auf den Boden zu fallen und niemand würde mich finden. In meinen Gedanken endete dieses Szenario immer tödlich.
Unser Gehirn ist ein unglaublich mächtiges Organ. Wenn wir etwas nicht verstehen und unser Sicherheitsgefühl erschüttert wurde, versucht es, jede mögliche Gefahr vorherzusehen. Aus einem einzigen Erlebnis entstehen plötzlich unzählige Katastrophenszenarien.
Ich konnte kaum noch essen und schlecht schlafen – und trotzdem fragte ich mich immer wieder, ob ich mir das alles vielleicht nur einbildete.
Wenn du dich gerade genauso fühlst, möchte ich dir etwas sagen, das ich damals selbst unbedingt hätte hören müssen:
Du bildest dir deine Symptome nicht ein.
Die körperlichen Reaktionen einer Panikattacke sind echt. Dein Herz schlägt tatsächlich schneller, deine Atmung verändert sich, deine Muskeln spannen sich an und dein Nervensystem befindet sich im Alarmzustand. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass du körperlich krank bist oder in Lebensgefahr schwebst.
Viele Menschen, die diesen Weg bereits gegangen sind, berichten von genau denselben Erfahrungen. Auch die medizinische Forschung zeigt, dass Panikattacken mit sehr intensiven körperlichen Symptomen einhergehen können.
Die gute Nachricht ist: So real sich diese Symptome auch anfühlen – sie sind in den allermeisten Fällen nicht gefährlich. Sie gehen vorbei, und dein Körper findet wieder in seinen Normalzustand zurück.
Eine ausführliche Übersicht über die häufigsten Symptome einer Panikattacke und was dahinter steckt, findest du in einem weiteren Blogbeitrag auf meiner Webseite.
Merksatz: Nur weil sich ein Symptom gefährlich anfühlt, bedeutet das nicht, dass es gefährlich ist.
4. Nachbeben sind normal und inordnung

Einen Tag nach meiner ersten Panikattacke stand ich morgens früh auf. Mein Partner hatte sich extra frei genommen und gegen neun Uhr saß ich mit ihm auf der Terrasse. Eigentlich war alles in Ordnung. Ich fühlte mich zwar schwach und konnte nichts essen, aber es ging mir verhältnismäßig gut.
Von einer Sekunde auf die andere wurde mir schwarz vor Augen.
Ich wurde ins Haus getragen und begann plötzlich am ganzen Körper heftig zu zittern. Diese Reaktion machte mir erneut große Angst. Ich weinte und die Panik überrollte mich ein weiteres Mal.
Da wir noch immer nicht wussten, dass ich am Vortag eine Panikattacke erlebt hatte, rief mein Partner erneut den Rettungsdienst.
Meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie nicht mehr zu mir. Mein Kiefer schlug unkontrolliert aufeinander – ähnlich wie bei starkem Schüttelfrost.
Wenig später wurde ich in eine psychiatrische Klinik gebracht.
Für mich war das der endgültige Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Ich war überzeugt, verrückt geworden zu sein.
Die Aufnahme dort empfand ich als sehr belastend. Alles wirkte hektisch und ich fühlte mich mit meiner Angst allein. Mein Kopf war wie in Watte gepackt. Ich konnte kaum noch klare Gedanken fassen und fand nur schwer die richtigen Worte.
Nach kurzer Zeit wurde ich wieder nach Hause geschickt. Vorher erhielt ich noch eine Tablette, von der ich bis heute nicht weiß, was sie war.
Zu Hause angekommen, raste mein Kopf so sehr, dass ich weinend in ein Kissen schrie.
Obwohl ich liebevoll umsorgt wurde und nie wirklich allein war, fühlte ich mich so einsam wie noch nie zuvor.
Ich fühlte mich falsch. Ich fühlte mich leer. Und ich hatte keine Ahnung, was mit mir geschah. Mein Gehirn malte sich die schlimmsten Szenarien aus.
Erst einige Wochen später, nachdem ich begonnen hatte, mich intensiver mit Panik und dem Nervensystem zu beschäftigen, passierte es erneut.
Wieder begann mein Körper heftig zu zittern – diesmal ausgelöst durch einen bestimmten Geruch. Doch diesmal reagierte ich anders. Ich legte mich ins Bett und ließ das Zittern zu.
Ich verstand inzwischen, dass mein Körper versuchte, überschüssige Spannung abzubauen. Ich musste nicht gegen ihn kämpfen. Im Gegenteil – ich durfte ihm erlauben, das zu tun, was er in diesem Moment brauchte.
Ich ließ das Zittern geschehen. Und irgendwann hörte es wieder auf.
Heute weiß ich, dass viele Menschen nach einem überwältigenden Erlebnis noch Stunden oder sogar Tage später körperliche Nachreaktionen verspüren können. Zittern, Erschöpfung, Weinen oder ein Gefühl von innerer Unruhe können Ausdruck eines Nervensystems sein, das langsam wieder aus dem Alarmzustand herausfindet.
Hätte ich damals gewusst, dass mein Körper mit dem Zittern möglicherweise versuchte, die enorme Anspannung zu verarbeiten, wäre meine Reaktion vermutlich eine andere gewesen. Vielleicht hätte ich mir den zweiten Rettungswageneinsatz und den belastenden Aufenthalt in der Psychiatrie ersparen können. Doch ich wusste es nicht.
Und dafür mache ich mir heute keine Vorwürfe mehr.
Merksatz: Dein Körper arbeitet nicht gegen dich – manchmal verarbeitet er Stress noch, obwohl die eigentliche Gefahr längst vorbei ist.
5. Du wirst heilen. Du bist nicht alleine.

Die erste wirklich schlimme Panikattacke nimmt uns oft das Vertrauen in uns selbst. Und manchmal auch das Vertrauen in das Leben.
Meine Autonomie ging verloren. Mein zuvor gut strukturiertes Leben stand plötzlich still. Meine Selbstwirksamkeit fühlte sich an, als wäre sie verschwunden.
Mein Körper fühlte sich so fremd und so erschöpft an, dass ich überzeugt war, niemals wieder gesund zu werden.
Viele Tage vergingen in diesem Zustand. Die ersten drei Tage sprach ich kaum ein Wort. Fast zwei Wochen lang musste mir die Kartoffelsuppe püriert werden, weil ich beim Essen ständig würgen musste.
Heute weiß ich, dass mein Nervensystem nach diesem überwältigenden Erlebnis noch immer im Alarmzustand war. Das autonome Nervensystem beeinflusst nahezu alle Organe unseres Körpers über ein Netz aus Nerven. Deshalb spüren wir Anspannung nicht nur in unseren Gedanken, sondern auch im Bauch, im Magen oder in unserem Appetit. Viele kennen dieses Phänomen zum Beispiel vor einer wichtigen Prüfung, wenn plötzlich Übelkeit oder Durchfall auftreten.
Damals wusste ich das allerdings nicht.
Jedes neue Symptom bestätigte mich nur noch mehr in meiner Überzeugung, dass etwas ganz und gar nicht mit mir stimmte. So entstand ein Kreislauf aus Angst, Anspannung und noch mehr körperlichen Beschwerden.
Licht war mir zu viel und wir mussten die Räume abdunkeln. Das Klappern beim Ausräumen der Spülmaschine oder der Fernseher im Hintergrund fühlten sich plötzlich unerträglich laut an. Ich fühlte mich wie der einsamste Mensch der Welt. Ich war überzeugt, nur ich würde mich so verloren, schwach und hoffnungslos fühlen.
Heute weiß ich: Das stimmt nicht.
Du und ich – und viele andere Menschen – sind mit diesen Gefühlen nicht allein.
Und deshalb möchte ich dir heute das sagen, was ich damals selbst so dringend gebraucht hätte:
Es wird besser werden!
Ja, im Moment fühlt es sich schrecklich an. Ich weiß, dass du Angst hast. Ich weiß, dass du dich schwach fühlst. Und ich weiß, dass du vielleicht glaubst, dieses Gefühl würde niemals verschwinden.
Aber es wird besser.
Vielleicht merkst du morgen, dass dir das Essen ein klein wenig leichter fällt. Vielleicht spürst du plötzlich die warme Sonne auf deiner Haut und empfindest für einen kurzen Moment wieder etwas Ruhe. Vielleicht bekommst du ganz unerwartet Lust auf einen Kinderriegel.
Diese kleinen Momente wirken unbedeutend. Doch genau sie sind oft die ersten Zeichen dafür, dass dein Nervensystem langsam wieder Vertrauen fasst.
Deine einzige Aufgabe ist jetzt, gut zu dir zu sein. Erwarte nichts von dir. Wenn dein Körper Ruhe braucht, dann darf er sie bekommen. Melde dich krank, wenn du es musst. Schau deine Lieblingsserie zum zehnten Mal. Bestell dir dein Lieblingsessen. Und wenn selbst das heute noch nicht möglich ist, dann ist auch das in Ordnung.
Heilung passiert selten von heute auf morgen. Sie geschieht Stunde für Stunde. Tag für Tag. Woche für Woche. Vielleicht fühlt sich morgen alles nur zwei Prozent leichter an als heute. Aber diese zwei Prozent sind der Anfang.
Irgendwann wirst du wieder die Kraft haben zu duschen. Irgendwann wirst du wieder lachen. Und irgendwann wirst du zurückblicken und feststellen, wie weit du bereits gekommen bist.
Heilung ist kein Sprint. Sie ist ein Marathon. Und jeder kleine Schritt zählt.
Wenn dich interessiert, welche ersten Schritte mir persönlich geholfen haben und welche Impulse mir in dieser Zeit besonders gutgetan haben, dann schau dich gerne weiter auf meinem Blog um.
Du bist nicht allein.
Quellen
- Fleet RP, Dupuis G, Marchand A, et al. Panic disorder in emergency department chest pain patients: prevalence, comorbidity, suicidal ideation, and physician recognition. American Journal of Medicine. 1996;101(4):371–380. DOI: 10.1016/S0002-9343(96)00224-0.
- National Institute of Mental Health (NIMH). Panic Disorder: When Fear Overwhelms.https://www.nimh.nih.gov/health/publications/panic-disorder-when-fear-overwhelms
- StatPearls. Panic Disorder. National Center for Biotechnology Information (NCBI). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK430973/


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