Eine Glaubensgemeinschaft zu verlassen, bedeutet nicht automatisch, dass alle dort erlernten Überzeugungen und Verhaltensweisen verschwinden. Manche verändern sich mit der Zeit. Andere zeigen sich noch lange später – in alltäglichen Gewohnheiten, Ängsten und Reaktionen, die zunächst selbstverständlich oder schwer erklärbar wirken.
Dieser Text beschreibt meine persönliche Erfahrung. Menschen, die bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen sind oder die Gemeinschaft verlassen haben, können ganz andere Erfahrungen machen. Ich schreibe nicht als Fachperson, sondern aus meiner eigenen Perspektive darüber, wie bestimmte Prägungen in meinem Leben fortwirken.
Gebrauchte Gegenstände und die Angst vor Dämonen
Bis heute kaufe ich keine gebrauchten Gegenstände auf dem Trödelmarkt. Mir wurde eingetrichtert, dass Dinge durch ihre Vorbesitzer mit Dämonen in Verbindung stehen könnten. Auch wenn ich diese Vorstellung heute nicht mehr teile, kann die damit verbundene Verunsicherung wieder auftauchen: Ist dieser Gegenstand wirklich unbedenklich?
Ein gebrauchtes Holzkästchen ist für viele einfach ein Fund oder eine praktische Anschaffung. Für mich kann es zusätzlich eine alte Angst berühren. Das macht mir bewusst, dass eine Überzeugung nicht unbedingt verschwindet, sobald man sie intellektuell infrage stellt. Manchmal bleibt die emotionale Reaktion länger bestehen als der Glaube an die Vorstellung, aus der sie entstanden ist.
Die Blutfrage und erlernte Reaktionen auf den eigenen Körper
Die Blutfrage war für mich nicht nur eine religiöse Lehre. Sie prägte auch meinen Umgang mit dem eigenen Körper. Blut, das den Körper verlassen hatte, sollte nicht wieder aufgenommen werden. Mir wurde beigebracht, dass es unrein wäre Blut von einem kleinem Schnitt am Finger beispielsweise schnell abzulecken.
Solche Regeln können sich als erlernte Reaktionsmuster festsetzen. Eine Handlung kann sich falsch oder undenkbar anfühlen, obwohl man die zugrunde liegende Lehre heute nicht mehr teilt. Manchmal bemerke ich die Reaktion, bevor ich bewusst darüber nachgedacht habe. Das zeigt mir, wie lange eingeübte Regeln im Alltag und im Körperempfinden nachwirken können.
Feiertage, die für mich nie selbstverständlich waren
Geburtstage, Weihnachten und Ostern haben für mich bis heute wenig eigene Bedeutung. Manchmal feiere ich mit, wenn andere es möchten – aus Höflichkeit und weil mir diese Menschen wichtig sind. Die besondere Vorfreude oder Verbundenheit, die andere mit solchen Tagen empfinden, stellt sich bei mir jedoch nicht automatisch ein.
Meine ersten Lebensjahre waren von diesen Feiertagen nicht geprägt. Sie gehörten nicht zu meiner Kindheit. Dadurch fehlen mir Erfahrungen, die für andere möglicherweise selbstverständlich mit Familienfesten, Ritualen und Erinnerungen verbunden sind. Heute kann ich an solchen Feiern teilnehmen, aber die Kindheitserfahrungen, die ich nicht machen durfte, lassen sich nicht nachträglich herstellen.
Auch die Geburtstage anderer Menschen kann ich mir nur schwer merken. Wenn ich nicht gratuliere, bedeutet das nicht, dass mir diese Menschen egal sind. Geburtstage haben für mich schlicht keinen selbstverständlichen Platz im Alltag bekommen. Ich bin schon wirklich froh, wenn ich an den Geburtstag meines Vaters denke.
Weltuntergangsängste und das Bedürfnis nach Sicherheit
Eine weitere Spur meines Aufwachsens sind Ängste vor dem Ende der Welt. Ich lernte, auf Gottes Erlösung zu warten und die gegenwärtige Welt als etwas zu betrachten, das jederzeit zu Ende gehen könnte.
Der Austritt allein hat diese Ängste nicht aufgelöst. Bei mir zeigt sich ein Teil davon in meiner Bereitschaft zur Vorsorge: Ich bin zur Prepperin geworden, habe Vorräte zu Hause und könnte dort lange Zeit überleben. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Gleichzeitig frage ich mich, welcher Anteil daran meiner heutigen, bewussten Haltung entspricht – und welcher möglicherweise aus einer älteren Angst hervorgegangen ist.
Und trotzdem gilt natürlich: Vorsorge kann sich auch unabhängig von einer Kindheitsprägung praktisch und beruhigend anfühlen.
Vertrauen, Nähe und ständige Wachsamkeit
Anderen Menschen begegne ich oft skeptisch. Wenn mir jemand etwas erzählt, prüfe ich zunächst, ob es stimmt und ob ich der Person vertrauen kann. Dieses Hinterfragen hilft mir manchmal, Informationen sorgfältig einzuordnen. Es kann aber auch anstrengend sein, wenn Wachsamkeit zur Grundeinstellung wird.
Ich lernte, „Weltmenschen“ nicht zu nah an mich heranzulassen und mich vor dem zu schützen, was sie sagen könnten. Wenn man lange hört, dass die Welt außerhalb der eigenen Gemeinschaft gefährlich oder verführerisch sei, kann es schwierig sein, sich auf andere Menschen unbefangen einzulassen. Nähe und Vertrauen entstehen dann nicht unbedingt von selbst, sondern müssen sich für mich sicher anfühlen.
Wenn Religion keine Heimat mehr ist
Bis heute habe ich keinen Zugang zu einer anderen Religion. Inzwischen lehne ich Religion sogar strikt ab. Ich glaube nicht mehr an einen einzigen Gott und auch nicht daran, dass jede Religion lediglich ihre eigene Vorstellung von Gott hat.
Gleichzeitig erkenne ich, dass ich anderen Religionen gegenüber voreingenommen erzogen wurde. Mir wurde beigebracht, Jehova sei der einzig wahre Gott und alle anderen Glaubensrichtungen seien falsch. Diese Überzeugung teile ich heute nicht mehr, aber ihre Prägung ist nicht einfach verschwunden. Es fällt mir schwer, anderen Religionen unbefangen zu begegnen.
Ich habe also nicht nur meinen früheren Glauben verloren, sondern auch den Zugang zu Religion insgesamt. Das ist meine gegenwärtige Haltung. Ich muss sie weder beschönigen noch rechtfertigen.
Wenn Kritik an der Gemeinschaft eine alte Loyalität berührt
Bis heute fällt es mir schwer, unberührt zu bleiben, wenn jemand schlecht über die Zeugen Jehovas spricht. Das bedeutet nicht, dass ich die Gemeinschaft für gut halte oder sie bewusst verteidigen möchte. Vielmehr bemerke ich in mir einen starken Impuls, nach vorne zu treten und für die Gemeinschaft und Jehova einzustehen – unabhängig davon, was gerade passiert.
Manchmal setzt diese Reaktion ein, bevor ich sortiert habe, was ich selbst denke. Erst später kann ich innehalten und feststellen, dass ich nicht automatisch verteidigen muss, was ich heute kritisch sehe. Die alte Loyalität lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck abstellen.
Darin liegt für mich ein Widerspruch, der sich nicht sofort auflösen muss: Ich kann wissen, warum ich gegangen bin, und zugleich noch den Impuls spüren, die Gemeinschaft zu schützen. Eine Reaktion ist nicht dasselbe wie eine bewusste Entscheidung oder eine heutige Überzeugung.
Begegnungen im öffentlichen Raum
Wenn ich in der Stadt Zeugen Jehovas sehe – etwa mit ihrem Trolley oder im Predigtdienst –, bekomme ich Unruhe im Bauch. Diese Reaktion kommt einfach, ohne dass ich sie bewusst auslöse.
Gleichzeitig verspüre ich keinen Drang, wütend zu werden oder etwas zu unternehmen. Manchmal denke ich sogar, dass es für manche richtig sein könnte, in ihrer kleinen Welt zu bleiben, weil ich mir vorstelle, dass sie es außerhalb der Gemeinschaft nach so langer Zeit schwer hätten. Ob das für sie tatsächlich zutrifft, weiß ich nicht. Es ist mein Eindruck – vielleicht auch geprägt durch meine eigenen Erfahrungen mit dem Leben außerhalb der Gemeinschaft.
Wenn ich ihnen begegne, merke ich vor allem, wie unwohl ich mich fühle. Und obwohl ich manchmal denke, dass manche außerhalb der Gemeinschaft überfordert wären, ist es nicht meine Aufgabe, darüber zu entscheiden oder sie davor zu bewahren. Ich gehe einfach weiter.
Ausstieg bedeutet nicht, dass jede Prägung verschwindet
Viele Folgen sind von außen kaum zu erkennen. Sie zeigen sich beim Kauf gebrauchter Dinge, bei Feiertagen, beim Anblick von Blut, im Umgang mit Religion oder in der Frage, wie viel Vertrauen ich anderen entgegenbringen kann.
Ich lerne, diese Reaktionen wahrzunehmen, ohne mich dafür zu verurteilen. Dass etwas aus meiner früheren Prägung in mir fortbesteht, heißt nicht, dass ich zurückmöchte oder versagt habe. Es heißt zunächst, dass bestimmte Regeln, Ängste und Loyalitäten lange Teil meines Lebens waren.
Auch wenn ich diese kleinen Spuren meiner Vergangenheit manchmal noch an mir bemerke, fühle ich mich heute freier: Ich darf selbst entscheiden, woran ich glaube, wie ich leben möchte und was ich hinter mir lasse.


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